Wenn Sie jemals eines Tages nach Brasilien kommen sollten, fahren Sie Bus! Das ist vergnüglich, billig, man sieht viel von Land und Leuten, es ist einfach ein Erlebnis. Innerstädtisch immer wieder ein kleines Abenteuer, aber auch Erlebnis. Und vor allem, Sie kommen immer bequem und kostengünstig dorthin, wohin Sie wollten.

 

Überlandbusse

Bei Reisen von Stadt zu Stadt oder über hunderte von Kilometern ist in Brasilien das Busfahren am populärsten. Es gibt zwar ein paar historische Eisenbahnstrecken, sie werden aber kaum benutzt, man fährt eben Bus. Diese Busse sind bequem, modern und relativ pünktlich, können recht viel Gepäck mitnehmen, sie sind klimatisiert und, auch wenn die Reise 30 Stunden dauern sollte, vor allem sie sind billig. Das kann sich jeder erlauben. Unterwegs lernen Sie ihre Mitfahrer kennen, machen ein Schläfchen, lesen ein Buch oder schauen einfach aus dem Fenster um Land und Leute zu sehen. Pausen macht der Bus regelmäßig an Haltepunkten, wo Leute aus- oder zusteigen. Es gibt an einigen dieser Punkte auch Toiletten sowie kleine Verkaufsläden für eisgekühlte Getränke, Kaffee oder einen kleinen Imbiss. Diese Busse entsprechen europäischen Reisebussen, sie sind klimatisiert und mit bequemen Sitzen ausgestattet, die sich auch leicht nach hinten verstellen lassen.

Gestartet wird meist von einem großen Busbahnhof, genannt Rodoviario, der von Joao Pessoa sieht eigentlich aus wie ein Flughafen. Zumindest ist er genauso konzipiert. Man kann mit dem Auto oder Taxi oder Linienbus an ihn heranfahren, seine Fahrgäste ausladen und muss gleich wieder wegfahren oder auf einem der kostenpflichtigen Parkplätze parken. Vorne gibt es viele Schalter der einzelnen Busfirmen, wo man die Tickets löst und genaue Daten der Reise erfährt. Dann gibt einen Ankunftsterminal und einen Abfahrtsterminal, jeder hat etliche Buchten, in denen die Busse abgefertigt werden. Von hier gibt es Linienbusse nach überall, selbst nach Sao Paulo, was ja doch um die 2.500 Kilometer entfernt von Joao Pessoa liegt.

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 Busse im städtischen Verkehr

Busse sind in der Stadt ebenfalls einfach das Verkehrsmittel Nr. 1, sie sind schnell (festhalten bitte, 80 bis 90 km/h in der Stadt ist hier normal auch in engen Altstadtstraßen) und zuverlässig (es kommt immer einer, nur wann?), technisch modern und bequem, vor allem aber preiswert. Eine Busfahrt kostet zurzeit 2 Reais, also noch nicht einmal einen Euro, und dauert vom Zeitpunkt des Einsteigens bis zum Zeitpunkt des Aussteigens. Es gibt keine Preisstaffeln oder Zonen oder komplizierte Preistabellen, die niemand versteht. Einsteigen kostet 2 Real und damit fertig. Es gibt weder Monats- noch andere Spartickets oder gar Schülerkarten. Busfahren kostet 2 Real und damit fertig. Zahlbar in bar beim Einsteigen.

Busse fahren auch in alle Randbezirke. Eigentlich braucht man kein Auto, in jeden Winkel dieser schönen Stadt kommt man mit dem Omnibus bequem und preiswert. Toll an dem Bussystem ist auch (und da könnte sich der deutsche Nahverkehr mal eine Scheibe abschneiden), dass die Busse nie verspätet sind. Das liegt aber eher daran, dass es keinen Fahrplan gibt. Der Bus kommt eben, wann er kommt, aber er kommt bestimmt, …bald,…denke ich doch.

Fahren wir also heute mit dem Bus in die Stadt ! Dazu gehen wir zur nächst gelegenen Bushaltestelle. Wo diese ist, muss man erfragen, einen Plan gibt es nicht, und wenn morgen hier Straßenbauarbeiten sind, kann sie auch ohne Vorwarnung ab morgen in einer Parallelstraße liegen. Aber Bushaltestellen sind leicht zu erkennen an dem blauen Schild „Punto Onibus“ und an den kleinen Wartehäuschen, die etwa 5 qm Schatten bieten, in dem sich 20 bis 30 Personen auf den Bus wartend drängeln.

Wir drängeln uns also mit den anderen auf den 5 qm Schattenfläche der Bushaltestelle und warten, bis ein Bus kommt. In der Zwischenzeit kann ich Ihnen ja erklären, wie man herausbekommt, welcher der Busse denn der richtige ist, denn normalerweise kommen an einer Haltestelle mehrere Buslinien vorbei und, dass es keine Fahrpläne gibt, hatte ich ja oben schon erwähnt. Wenn Sie jemanden fragen, wann denn der Bus kommt, bekommen Sie die immer gleiche, freundliche, aber Unverständnis ob der Frage zeigende Antwort: „jàjà“. Das spricht man ganz weich wie „dschadscha“ und es heißt soviel wie „schon bald“ oder „ganz ruhig“ oder „demnächst“. Auf jeden Fall ist eine „reg dich nicht auf“ Komponente mit drin. Okay denken Sie, was soll der mir auch sagen, Fahrplan ist nicht und „paçienca“ (Geduld) ist sowieso das erste Wort, was man hier lernt.

Weil es nun aber keine Fahrpläne gibt, gibt es natürlich auch keine Streckenpläne. Als Fremder in der Stadt, weiß man nicht welcher Bus, wohin fährt. Aber man hat ja einen Mund und kann fragen, jeder Busfahrende hilft hier gern einem anderen, und gibt Auskunft. Ansonsten muss man eben beim Einsteigen das Personal fragen. Fährt dieser Bus nicht dorthin, wohin man will, bekommt man zuverlässige Umsteigeinformationen. Aber in der Regel muss man nicht mehr als einmal umsteigen. Vorne am Bus stehen seine Nummer und die Endstation, sowie ggf. ein Busterminal, an dem der Bus vorbeifährt. Und diese Busterminals sind der Schlüssel zum System.

Es gibt einige Busterminals in den Zentren der Stadt, von denen fahren die Busse sternförmig in die Randbezirke, decken dabei aber einen breiten Korridor ab, in dem die Hinfahrtstrecke oftmals von der Rückfahrtstrecke differiert. Also hin geht’s entlang dieser Straße und zurück entlang der zweiten oder dritten Parallelstraße. Innerhalb der Busterminals kann man ohne nochmaliges Bezahlen umsteigen. Will ich also von einem Stadtteil in einen beliebigen anderen, muss ich nur ein zu beiden passendes Terminal finden und die Fahrt kann beginnen. Sie kann durchaus nicht unbedingt die kürzeste Strecke sein, wenn ich z.B. von Stadtteil A im Norden zu Stadtteil B, auch im Norden, fahren möchte und diese über ein Terminal im Zentrum verbunden sind, fahre ich einmal rein und einmal raus aus der Stadt. Sollte ich die Strecken kennen und sich meine Busse irgendwo kreuzen, kann ich natürlich umsteigen, aber dann muss ja ein zweites Mal bezahlen. Wer will das schon? Unter Umständen spart man so recht viel Zeit, aber davon hat man hier in Brasilien sowieso genug, hier ticken die Uhren ganz anders.

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So, inzwischen kommt unser Bus und alle, die einsteigen wollen, winken jetzt ein wenig hektisch. Es genügt nicht, dass man an einer Haltestelle steht, man muss dem Busfahrer auch zeigen, dass man einsteigen möchte, in dem man winkt. Wenn man nicht winkt, fährt der Bus vorbei ohne zu halten. Allerdings hält auch so mancher freundliche Busfahrer, wenn man verspätet ist und es nicht bis zur Haltestelle geschafft hat und einige hundert Meter davor winkt. Die Busfahrer sind da sehr nachsichtig, können sie ja auch, denn ihnen sitzt kein Fahrplan im Nacken.

Einsteigen muss man übrigens hinten und aussteigen kann man nur vorne. Es sei denn, man ist Rentner, schwanger, mit Kleinkind oder behindert, dann steigt man vorne ein, denn da geht’s für umsonst. Alle anderen, wir eben auch, müssen hinten einsteigen und an dem Kassierer und seinem Drehkreuz vorbei. Dort legt man brav seine 2 Real auf den Tresen, dann öffnet er das Drehkreuz, das er sonst einfach mit dem Fuß blockiert hat. Hat man keine 2 Real passend, kann man nur hoffen, dass er Wechselgeld hat oder überhaupt wechseln will. Seit der Preiserhöhung auf 2 Real ist es etwas besser geworden, aber im vergangenen Jahr lag der Preis bei 1,85 Real, da musste man schon passendes Kleingeld haben. Meine Erfahrung hier ist, dass bei spätestens einem 10 Real-Schein die Wechselwilligkeit des Kassierers erlischt und sein Fuß das Drehkreuz weiterhin blockiert, bis man Kleingeld aus einer Tasche hervorzaubert oder eben wieder aussteigt.

Wir haben natürlich unser Fahrgeld passend, also geht’s recht flott in den Bus hinein, am Drehkreuz vorbei und jetzt aber ganz schnell auf einen der Sitze oder schnell einen Haltegriff gegriffen, denn Busfahrer sind nicht zimperlich, kennen nur Vollgas oder Vollbremsung. Am besten hinsetzen und festhalten. Da Busse immer Vorfahrt haben und bei jedem Verkehrskonflikt Recht bekommen, haben die Busfahrer einen Fahrstil, als gehöre der Asphalt nur Ihnen und Ihren Fahrgästen. Für mich immer wieder erstaunlich ist, wie wenig dabei passiert. Dennoch kann ich nur den Rat geben, sich gut festzuhalten, am besten auch zu sitzen. Diese Busse knallen über jedes Schlagloch oder hochstehende Kanaldeckel, sie nehmen die Kurven, dass es einem übel wird und sie kennen nur Vollgas oder Vollbremsung. Es ist auch durchaus üblich, dass Busfahrer während der Fahrt die vordere Tür öffnen, um den neben ihnen Fahrenden zu beschimpfen oder zu begrüßen, oder einfach, weil es mal wieder unerträglich heiß ist und einige Fahrgäste drohen zu kollabieren. Deshalb sollte man sich – vor allem in Kurven – von der vorderen Türe fernhalten.

Nun kommt endlich der Punkt, an dem wir aussteigen möchten, dies muss man rechtzeitig kundtun, denn man muss sich nun in dem überfüllten, rasenden Bus von hinten bis nach vorne durchkämpfen. Sie entsinnen sicherlich das oben erwähnte, einsteigen hinten, aussteigen vorne. Jeder Versuch hinten auszusteigen ist zum Scheitern verurteilt, sie kommen an dem Drehkreuz mit dem sperrenden Fuß nicht vorbei. Warum nicht? Weil sonst zum Feierabend seine Kasse nicht stimmt, für die er verantwortlich ist. Jedes Mal öffnen des Drehkreuzes x 2 Real = Kassensollbestand. Und am Drehkreuz ist ein plombiertes Zählwerk, das von seinem Chef abgelesen wird.

Wie tun wir also Kund, dass wir bald aussteigen möchten, damit der Fahrer auch an der nächsten Haltestelle anhält? Das rote Knöpfchen zum Drücken, das eine Lampe beim Fahrer auslöst, gibt es hier nicht, obwohl es sich um moderne Linienbusse von MAN oder Mercedes handelt. Diesen Knopf kaufen brasilianische Buseinkäufer offensichtlich nicht mit ein. Stattdessen gibt es eine Klingel beim Fahrer, die man als Fahrgast durch das Ziehen an einem Seil an der Decke des Busses auslösen kann. Ja, sie lesen richtig, wir fahren modernste Busse mit Fahrtenschreiber, Hallogenlicht, Feuerlöscher, auf dem Stand der Technik. Nur wenn man aussteigen will, dann zieht man an einem Seil…..  Jetzt nur noch rechtzeitig bis zum Stillstand des Busses an der Haltestelle nach vorne durchkämpfen und dann ganz schnell raushüpfen aus dem Bus. Kaum ist man draußen, schließt sich schon die Tür und der Bus fährt lautstark wieder an, natürlich mit Vollgas…. Puh, denkt man die ersten Male, ist doch wieder alles gut gegangen.

Später, nach Jahren, hat man sich daran gewöhnt, regt sich über nichts mehr auf, und denkt schlicht und ergreifend, gut dass das Auto zuhause geblieben ist, der Bus ist einfach das schnellste und billigste Mittel in die Stadt zu fahren.

 

Dies mag für den Europäer zunächst verwirrend und der Zeit hinterher hinkend klingen, keine Fahrpläne, keine festen Strecken, nur ein Preis, mindestens 2 Personen als Buspersonal. Aber wie so oft, ist meiner Meinung nach, auch hier die einfachere brasilianische Lösung, die bessere. Sie kostet auf jeden Fall weniger und ist effizienter.

In Europa haben wir minutengetaktete Busse, die ständig im Kampf mit dem Verkehr und dem Fahrplan sind, daneben muss der Fahrer noch kassieren und ggf. Auskünfte an Fahrgäste geben. Und ein Heer von Kontrolleuren filzt in den Bussen die Fahrgäste, um die Schwarzfahrer, die sich teilweise mehrere Euro Fahrpreis für nur wenige Kilometer einfach nicht leisten können, dann vor Gericht anzuprangern.

In Brasilien gibt es keine Verspätung, manchmal kommt der Bus sofort, manchmal muss ich eine halbe Stunde warten. Das Personal ist freundlich, denn es hat keinen Druck. Der Fahrer kann sich auf den Verkehr voll konzentrieren, muss er auch, denn für die Kasse und für Auskünfte gibt es den zweiten Mann am Einstieg hinten. Und Schwarzfahrer und damit notwendiges Kontrollpersonal gibt es überhaupt nicht. Einsteigen kostet 2 Real und damit fertig. Da kommt niemand dran vorbei und, ehrlich gesagt, will auch niemand es versuchen, es lohnt sich nicht, Busfahren ist einfach so billig, dass es sich jeder leisten kann. Und die Preisliste verstehen sogar Analphabeten.

Wo jedoch der Vorteil des Seiles ist, mit dem ich die Klingel betätige, wenn ich aussteigen möchte, das vermag ich nicht zu sagen. Vielleicht ist das rote Knopf System einfach zu teuer oder fehleranfällig. Jedenfalls gibt’s das Seil nicht nur hier in Joao Pessoa, ich habe es auch schon von Sao Paulo, Rio, Santa Catarina, Natal und Manaus gehört, dass die Busse dort genauso ein Seil haben.

6 Comments for this entry

  • Brigitte wilkens sagt:

    irgend wann werde ich es versuchen…… Hört sich ja echt abenteuerlich an!

    • Christian sagt:

      Liebe Brigitte, ich kann dir nur den Rat geben, es zu versuchen. Brasilien ist so gigantisch, so schön, so liebenswert, so aufregend, du wirst nicht mehr weg wollen. So ging es jedenfalls mir uns so einigen anderen Deutschen, die ich hier kenne. Und so teuer ist es doch auch nicht mehr hier zu fliegen… Mach mal Urlaub hier, würde mich freuen Euch ein bischen hier zeigen zu können. Ansonsten sehen wir uns ja bald in D. Lieben Gruß von Christian

  • hagedorn günther sagt:

    moin christian
    betreffs busfahren in paraiba,kann ich das nur bestätigen.
    innerörtlicher und außerörtlicher bus wird von uns
    überwiegend genutzt,und wir fahren gerne damit,und es macht wirklich spaß ,wenn man die entsprechende einstellung mitbringt,was der überzogende durchschnittsdeutsche mit
    seiner goldenen”advokat”-karte nicht mitbringt.

    solong g.hagedorn(von see aus geschrieben)

    • Christian sagt:

      Moin, Moin Günther!

      Freut mich sehr, wenn meine Artikel Dir gut gefallen und Du Deine
      eigenen Erfahrungen darin wiederfindest. Ich melde mich mal per Mail bei
      Dir, dann können wir uns mal direkt austauschen.

      Lieben Gruß
      aus Joao Pessoa
      Christian Becker

  • Barbara Baumgartner sagt:

    Hallo!

    Ich plane gerade meine Brasilienreise und suche einen Online-Fahrplan einer Busgesellschaft in Brasilien. Ich möchte zum Beispiel von Rio nach Ouro Preto mit dem Bus fahren und dann weiter nach Porto Seguro. Hat jemand einen Tipp für mich?

    Vielen Dank!
    Barbara

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